Warum zeigt mein Pferd unerwünschtes Verhalten?

Warum zeigt mein Pferd unerwünschtes Verhalten?

Ursachen verstehen statt Verhalten bestrafen

„Warum macht mein Pferd das eigentlich?“

Diese Frage haben sich wahrscheinlich schon viele Pferdebesitzer gestellt.

Das Pferd lässt sich nicht verladen. Es tritt beim Führen. Es beißt. Es scheut. Es buckelt. Es lässt sich beim Hufschmied nicht anfassen. Es schlägt mit dem Kopf oder wird beim Reiten plötzlich schwierig.

Und kaum ist das Problem ausgesprochen, prasseln aus allen Richtungen Meinungen auf einen ein:

„Der testet dich.“
„Der hat keinen Respekt.“
„Da musst du dich einfach durchsetzen.“
„Der veräppelt dich.“
„Das Pferd muss lernen, dass es so nicht geht.“

Doch so einfach ist Pferdeverhalten nicht.

Wer verstehen möchte, warum ein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, muss zunächst eine ganz andere Frage beantworten:

Was ist eigentlich normales Pferdeverhalten?

Denn erst wenn wir wissen, was normal ist, können wir beurteilen, ob ein Verhalten tatsächlich unerwünscht, auffällig oder möglicherweise sogar eine Verhaltensstörung ist.

Normalverhalten, unerwünschtes Verhalten oder Verhaltensstörung?

Diese drei Begriffe werden im Alltag häufig miteinander vermischt.

Aus fachlicher Sicht ist die Unterscheidung jedoch sehr wichtig.

Was ist Normalverhalten?

Als Normalverhalten lassen sich vereinfacht gesagt Verhaltensweisen beschreiben, die Pferde unter natürlichen Bedingungen typischerweise zeigen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Sozialverhalten
  • Fressverhalten
  • Bewegungsverhalten
  • Ruhe- und Schlafverhalten
  • Erkundungsverhalten
  • Komfortverhalten
  • Spielverhalten
  • Fortpflanzungsverhalten
  • Flucht- und Abwehrverhalten

Dabei muss immer berücksichtigt werden, dass Verhalten von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, unter anderem von Alter, Geschlecht, Persönlichkeit, Erfahrung und Situation.

Pferdeverhalten findet außerdem niemals losgelöst von einem Kontext statt.

Ein Pferd flieht nicht einfach „weil es ein schwieriges Pferd ist“.

Es flieht, weil es in diesem Moment etwas wahrnimmt, bewertet und darauf reagiert.

Verhalten erfüllt für das Pferd grundsätzlich eine Funktion.

Unerwünschtes Verhalten ist nicht automatisch eine Verhaltensstörung

Das ist ein besonders wichtiger Punkt.

Ein Verhalten kann für uns Menschen unerwünscht, unangenehm oder sogar gefährlich sein, ohne dass es sich um eine Verhaltensstörung handelt.

Unerwünschtes Verhalten kann dabei durchaus zum normalen Verhaltensrepertoire des Pferdes gehören.

Beispiele aus dem Umgang:

  • Das Pferd lässt sich nicht verladen.
  • Es tritt beim Führen.
  • Es beißt.
  • Es lässt sich nicht anbinden.
  • Es möchte beim Hufschmied nicht ruhig stehen.
  • Es lässt sich beim Tierarzt nur schwer behandeln.

Und auch unter dem Sattel können Verhaltensweisen auftreten, die für den Menschen problematisch werden:

  • Scheuen
  • Kleben
  • Bocken
  • Buckeln
  • Steigen
  • Kopfscheuen
  • Sattelzwang
  • Durchgehen oder Entziehen

Das bedeutet nicht, dass diese Verhaltensweisen einfach akzeptiert werden müssen.

Es bedeutet aber:

Wir sollten zunächst verstehen, warum das Pferd sie zeigt.

Denn unerwünschtes Verhalten ist etwas anderes als eine Verhaltensstörung.

Und was ist dann eine Verhaltensstörung?

Verhaltensstörungen beziehungsweise stereotype Verhaltensweisen wie Koppen, Weben oder bestimmte Formen von Boxenlaufen werden häufig im Alltag als „Untugenden“ bezeichnet.

Diese Bezeichnung ist problematisch.

Denn sie vermittelt den Eindruck, das Pferd habe sich dieses Verhalten bewusst ausgesucht, sei „schlecht erzogen“ oder trage selbst die Schuld daran.

Das entspricht dem heutigen Verständnis von Verhaltensstörungen nicht.

Bei der Entstehung solcher Verhaltensweisen können vielmehr verschiedene Faktoren zusammenspielen. Dazu gehören unter anderem individuelle Veranlagungen, Haltungsbedingungen, eingeschränkte Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung, Fütterung, Sozialkontakt und Stress. Fachliteratur beschreibt beispielsweise Zusammenhänge zwischen nicht bedarfsgerechter Haltung und dem Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten.

Das bedeutet nicht, dass jede Verhaltensstörung ausschließlich durch den Menschen verursacht wurde.

Aber es bedeutet sehr wohl:

Wir Menschen tragen die Verantwortung dafür, die Bedürfnisse unserer Pferde zu kennen und ihre Lebensbedingungen so zu gestalten, dass vermeidbare Belastungen möglichst reduziert werden.

Ein Kopper oder Weber ist deshalb kein „böses“ oder „untugendhaftes“ Pferd.

Das Verhalten sollte vielmehr als Hinweis betrachtet werden, dass wir genauer hinschauen müssen.

Warum zeigt ein Pferd unerwünschtes Verhalten?

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern.

Warum zeigt ein Pferd überhaupt Verhalten, das für uns problematisch wird?

Eine einzelne Antwort gibt es nicht.

Pferdeverhalten entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Dazu können gehören:

  • Persönlichkeit und individuelle Veranlagung
  • Erfahrungen
  • Lernprozesse
  • Angst
  • Stress
  • Schmerzen
  • körperliche Erkrankungen
  • Haltung
  • Fütterung
  • Sozialkontakte
  • Bewegungsmöglichkeiten
  • Umgang
  • Ausbildung
  • Ausrüstung
  • Umgebung
  • Situation und Kontext

Deshalb ist es gefährlich, bei jedem Pferd sofort dieselbe Ursache anzunehmen.

Die Persönlichkeit des Pferdes spielt eine Rolle

Nicht jedes Pferd reagiert gleich.

Manche Pferde sind ausgesprochen neugierig.

Andere sind vorsichtiger.

Manche reagieren sehr schnell auf neue Reize. Andere bleiben lange ruhig und beobachten zunächst.

Begriffe wie Fluchtbereitschaft, Ängstlichkeit, Erregbarkeit oder Bewegungsdrang können dabei Hinweise auf individuelle Unterschiede geben.

Das bedeutet nicht, dass ein Pferd „von Natur aus schwierig“ ist.

Es bedeutet vielmehr, dass jedes Pferd bestimmte individuelle Voraussetzungen mitbringt.

Und genau diese Persönlichkeit sollte im Training berücksichtigt werden.

Was für das eine Pferd eine kleine Herausforderung ist, kann für ein anderes bereits eine massive Belastung darstellen.

Haltung kann Verhalten beeinflussen

Auch die Lebensbedingungen eines Pferdes spielen eine wichtige Rolle.

Pferde haben natürliche Bedürfnisse nach:

  • ausreichender Bewegung
  • Futteraufnahme über einen großen Teil des Tages
  • Sozialkontakt
  • Ruhe
  • Erkundung
  • Komfortverhalten
  • geeigneten Rückzugsmöglichkeiten

Werden diese Bedürfnisse dauerhaft nur unzureichend erfüllt, können Stress, Frustration und Verhaltensauffälligkeiten begünstigt werden. Zeitler-Feicht beschreibt beispielsweise Haltungs- und Managementfehler als mögliche Auslöser beziehungsweise Einflussfaktoren für Verhaltensauffälligkeiten.

Besonders relevant können dabei beispielsweise sein:

Zu wenig Bewegung

Zu wenig Raufutter beziehungsweise zu kurze Fresszeiten

Mangelnder Sozialkontakt

Ungeeignete Haltungsbedingungen

Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten

Nicht bedarfsgerechte Fütterung

Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd mit einer bestimmten Haltungsform automatisch ein Problem entwickelt.

Aber es bedeutet, dass wir die Haltung immer mit betrachten sollten, wenn wir Verhalten verstehen wollen.

Angst und Schmerzen gehören zu den wichtigsten Auslösern

Wenn ein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, sollten wir uns deshalb immer fragen:

Wovor könnte das Pferd Angst haben?

und:

Könnte das Pferd Schmerzen haben?

Gerade Schmerzen werden im Pferdealltag noch immer viel zu häufig übersehen.

Ein Pferd kann Schmerzen nicht verbal mitteilen.

Es kann uns aber über sein Verhalten Hinweise geben.

Kopfschlagen, starkes Schweifschlagen, Abwehrreaktionen, plötzlich auftretende Widersetzlichkeit oder Veränderungen im Bewegungs- und Arbeitsverhalten können beispielsweise Anlass sein, genauer hinzuschauen.

Das bedeutet nicht, dass jedes dieser Verhalten automatisch Schmerzen bedeutet.

Aber:

Eine Verhaltensänderung sollte ernst genommen werden.

Verhaltenstraining ersetzt deshalb niemals eine notwendige tierärztliche Untersuchung.

Auch der Umgang und die Ausbildung können Verhalten beeinflussen

Nicht immer liegt die Ursache ausschließlich beim Pferd.

Auch unsere Kommunikation kann Verhalten beeinflussen.

Unklare Signale.

Inkonsistente Hilfen.

Zu hohe Anforderungen.

Unpassende Ausrüstung.

Zu wenig Vorbereitung.

Zu schnelle Steigerung.

Oder schlicht ein Mensch, der selbst nicht weiß, was er eigentlich vom Pferd erwartet.

Das Pferd reagiert darauf.

Und manchmal lernen wir Menschen sogar unbewusst genau das Verhalten an, das wir eigentlich gar nicht möchten.

Wie wir unerwünschtes Verhalten unbewusst verstärken können

Ein klassisches Beispiel ist das Scharren bei der Futtererwartung.

Stell dir vor:

Dein Pferd wartet auf sein Futter.

Es wird aufgeregt.

Es beginnt zu scharren.

Du kommst mit dem Futter und stellst den Trog direkt hin.

Das Pferd scharrt wieder.

Du reagierst vielleicht mit:

„Hey, hör auf!“

Oder jemand im Stall ruft:

„Ey! Spinnst du?“

Was hat das Pferd gelernt?

Es hat gelernt, dass sein Verhalten eine Reaktion auslöst.

Wenn das Futter anschließend unmittelbar folgt, kann das Verhalten zusätzlich durch die Futtergabe verstärkt werden.

Und genau hier wird Lernverhalten interessant.

Pferde lernen sehr schnell, welche Reaktionen zu welchen Konsequenzen führen.

Das kann völlig unbeabsichtigt passieren.

Pferde „veräppeln“ uns nicht

Ein Satz, den ich im Stall immer wieder höre, lautet:

„Das Pferd führt dich an der Nase herum.“

Oder:

„Der weiß ganz genau, was er macht.“

Natürlich können Pferde sehr schnell lernen, welche Verhaltensweisen bestimmte Konsequenzen haben.

Aber daraus folgt nicht, dass sie uns bewusst manipulieren oder sich an uns „rächen“.

Wenn ein Pferd beispielsweise beim Verladen rückwärtsgeht und dadurch dem unangenehmen Reiz entkommt, kann es lernen:

Rückwärtsgehen beendet die Situation.

Das ist Lernen.

Keine menschliche Manipulation.

Auch ein Pferd, das beim Reiten buckelt und dadurch möglicherweise eine bestimmte Situation beendet oder verändert, muss nicht den abstrakten Gedanken haben:

„Jetzt werde ich meinen Menschen mal richtig ärgern.“

Es reagiert auf seine Lerngeschichte, seine Emotionen, seine Wahrnehmung und die aktuelle Situation.

Genau deshalb ist es so wichtig, Verhalten nicht zu vermenschlichen.

Ein Beispiel: Das Verladen

Nehmen wir das klassische Beispiel:

Das Pferd geht nicht auf den Anhänger.

Für uns kann das unglaublich frustrierend sein.

Der Termin beim Tierarzt steht.

Der Transport muss los.

Das Pferd steht vor dem Hänger.

Und nichts geht mehr.

Vielleicht dreht es sich weg.

Vielleicht geht es rückwärts.

Vielleicht steigt es sogar.

Dann kommt schnell der Satz:

„Der Gaul muss jetzt drauf!“

Und der Druck steigt.

Doch aus Sicht des Pferdes kann die Situation völlig anders aussehen.

Ein Anhänger ist eng.

Er kann dunkel sein.

Der Untergrund fühlt sich anders an.

Es entstehen ungewohnte Geräusche.

Hinter dem Pferd gibt es irgendwann keine gewohnte Fluchtmöglichkeit mehr.

Und das Pferd weiß möglicherweise nicht, was von ihm erwartet wird.

Dazu können schlechte Erfahrungen, fehlende Routine oder mangelndes Vertrauen kommen.

Wenn nun zusätzlich Druck aufgebaut wird, kann sich die emotionale Belastung weiter erhöhen.

Das Pferd reagiert mit Abwehr.

Und genau dieses Abwehrverhalten wird vom Menschen wiederum als Beweis dafür interpretiert, dass das Pferd „nicht will“.

Ein Kreislauf entsteht.

Unerwünschtes Verhalten kann also eine Antwort sein

Das ist für mich einer der wichtigsten Gedanken im Pferdeverhaltenstraining:

Unerwünschtes Verhalten ist häufig keine grundlose Entscheidung des Pferdes, sondern eine Reaktion auf eine Situation.

Das bedeutet nicht:

„Das Pferd darf alles.“

Es bedeutet auch nicht:

„Wir müssen jedes Verhalten einfach hinnehmen.“

Ein Pferd darf nicht treten, wenn dadurch Menschen gefährdet werden.

Ein Pferd darf nicht unkontrolliert steigen.

Ein Pferd muss lernen, sicher geführt und versorgt werden zu können.

Aber die Frage ist:

Wie bringen wir dem Pferd das gewünschte Verhalten bei?

Und vor allem:

Warum zeigt es das unerwünschte Verhalten überhaupt?

Druck, Strafe oder Verständnis?

Wenn ein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, ist unsere erste Reaktion häufig emotional.

Das ist menschlich.

Wir sind frustriert.

Wir haben vielleicht Angst.

Wir stehen unter Zeitdruck.

Oder wir fühlen uns vom Pferd herausgefordert.

Doch genau in diesen Situationen brauchen wir einen klaren Kopf.

Denn wenn wir lediglich das sichtbare Verhalten bestrafen, ohne die Ursache zu verstehen, besteht die Gefahr, dass wir zwar das Verhalten unterdrücken, aber das zugrunde liegende Problem nicht lösen.

Ein Pferd kann äußerlich „ruhiger“ werden und innerlich trotzdem massiv unter Stress stehen.

Deshalb sollte die Frage nicht ausschließlich lauten:

„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“

Sondern:

„Was versucht mein Pferd mir mit diesem Verhalten mitzuteilen?“

Die wichtigste Frage lautet deshalb: Was liegt dahinter?

Wenn ein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, sollte eine systematische Betrachtung erfolgen.

1. Was genau zeigt das Pferd?

Nicht:

„Mein Pferd ist schwierig.“

Sondern konkret:

„Mein Pferd geht drei Schritte auf den Hänger und dreht anschließend nach links weg.“

Je genauer wir Verhalten beschreiben, desto besser können wir es analysieren.

2. Wann tritt das Verhalten auf?

Immer?

Nur in bestimmten Situationen?

Nur bei bestimmten Personen?

Nur an bestimmten Orten?

Nur unter dem Sattel?

Nur beim Verladen?

3. Was passiert unmittelbar davor?

Gab es einen bestimmten Reiz?

Eine Bewegung?

Eine Berührung?

Ein Geräusch?

Eine Hilfe?

Eine Veränderung der Umgebung?

4. Was passiert unmittelbar danach?

Bekommt das Pferd Abstand?

Wird der Druck weggenommen?

Bekommt es Futter?

Wird die Situation beendet?

Geht der Mensch weg?

Genau diese Konsequenzen können für das Lernverhalten entscheidend sein.

5. Könnten Schmerzen oder körperliche Ursachen eine Rolle spielen?

Bei auffälligen oder neu auftretenden Verhaltensänderungen sollte diese Frage immer berücksichtigt werden.

6. Sind Haltung und Management passend?

Hat das Pferd ausreichend Bewegung?

Sozialkontakt?

Raufutter?

Ruhe?

Beschäftigung?

7. Ist die Aufgabe für das Pferd verständlich?

Verstehen wir Menschen überhaupt eindeutig, was wir von unserem Pferd möchten?

Pferdeverhalten verstehen bedeutet Verantwortung übernehmen

Und genau hier liegt für mich die Verantwortung des Menschen.

Wir bestimmen zu einem großen Teil, wie Pferde gehalten, ausgebildet, trainiert und genutzt werden.

Wir entscheiden, welche Anforderungen wir an sie stellen.

Wir entscheiden, wie wir auf ihre Reaktionen antworten.

Und deshalb sollten wir auch bereit sein, unser eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen.

Das bedeutet nicht, dass wir für jedes Problem „schuld“ sind.

Aber es bedeutet:

Wir sind verantwortlich dafür, hinzusehen.

Verhalten ist Kommunikation.

Manchmal ist diese Kommunikation sehr deutlich.

Manchmal ist sie leise.

Und manchmal erkennen wir erst viel später, dass unser Pferd uns schon lange etwas zeigen wollte.

Unerwünschtes Verhalten verhindern beginnt lange vor dem Problem

Der beste Umgang mit unerwünschtem Verhalten besteht deshalb nicht immer darin, es später mühsam zu korrigieren.

Viel besser ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen problematisches Verhalten möglichst gar nicht erst entstehen muss.

Dazu gehören:

  • pferdegerechte Haltung
  • ausreichender Sozialkontakt
  • bedarfsgerechte Fütterung
  • ausreichend Bewegung
  • passende Ausrüstung
  • verständliche Kommunikation
  • angemessene Trainingsanforderungen
  • Berücksichtigung der Persönlichkeit des Pferdes
  • frühzeitiges Erkennen von Stress
  • ernst nehmen von Verhaltensänderungen
  • gegebenenfalls tierärztliche Abklärung

Und vor allem:

Wachsamkeit und Selbstreflexion.

Denn Pferdeverhalten ist kein statisches System.

Es verändert sich mit Erfahrungen, Umgebung, Training, Gesundheit und Lebensbedingungen.

„Dann darf mein Pferd also niemals Angst haben?“

Doch.

Natürlich darf ein Pferd Angst haben.

Angst ist eine wichtige Emotion und gehört zum natürlichen Verhaltensrepertoire.

Auch ein Pferd darf mit schwierigen Situationen konfrontiert werden.

Training bedeutet nicht, dass wir jedes unangenehme Gefühl von unserem Pferd fernhalten müssen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir mit diesen Situationen umgehen.

Wir sollten unsere Pferde nicht unnötig überfordern.

Wir sollten ihnen Situationen verständlich machen.

Wir sollten ihre Signale wahrnehmen.

Und wir sollten ihnen die Möglichkeit geben, neue Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen.

Das ist für mich verantwortungsvolles Pferdeverhaltenstraining.

Wissen statt Stallmythen

Eines der größten Probleme im Umgang mit Pferdeverhalten ist meiner Meinung nach, dass wir uns noch immer sehr häufig auf Aussagen verlassen, die seit Jahrzehnten von Stall zu Stall weitergegeben werden.

„Das Pferd testet dich.“

„Der ist einfach dominant.“

„Das hat der extra gemacht.“

„Der weiß genau, dass er das nicht darf.“

„Da musst du einmal richtig durchgreifen.“

Manche dieser Aussagen klingen zunächst plausibel.

Aber plausibel bedeutet nicht automatisch wissenschaftlich richtig.

Wer Verhalten wirklich verstehen möchte, braucht deshalb mehr als eine Meinung aus dem Stall.

Er braucht Fachwissen, Beobachtung, Selbstreflexion und die Bereitschaft, die eigene Sichtweise immer wieder zu überprüfen.

Mein Fazit

Wenn dein Pferd unerwünschtes Verhalten zeigt, ist die erste Frage nicht:

„Wie bekomme ich das weg?“

Die erste Frage sollte sein:

„Warum zeigt mein Pferd dieses Verhalten?“

Ist es Angst?

Ist es Stress?

Sind Schmerzen möglich?

Ist die Situation zu schwierig?

Ist die Kommunikation unklar?

Hat das Pferd dieses Verhalten gelernt?

Wird das Verhalten möglicherweise unbewusst verstärkt?

Passt die Haltung?

Passt das Management?

Passt die Ausrüstung?

Oder gibt es eine Kombination aus mehreren Faktoren?

Genau diese Fragen machen den Unterschied zwischen Verhalten unterdrücken und Verhalten verstehen.

Denn Pferde wollen uns nicht ärgern.

Sie führen uns nicht bewusst an der Nase herum.

Und sie handeln nicht aus Bosheit.

Sie reagieren auf ihre Umwelt, ihre Erfahrungen, ihre Emotionen und ihre Lerngeschichte.

Alles, was unsere Pferde uns zeigen, ist Kommunikation.

Manchmal ist sie laut.

Manchmal ist sie gefährlich.

Manchmal ist sie kaum wahrnehmbar.

Aber wenn wir lernen, richtig hinzuschauen, erkennen wir vielleicht, dass das vermeintlich „unerwünschte Verhalten“ gar nicht das eigentliche Problem ist.

Vielleicht ist es die Antwort auf ein Problem, das wir bisher noch nicht erkannt haben.

Und genau dort beginnt für mich echtes Pferdeverhaltenstraining:

Verhalten verstehen. Sicherheit schaffen. Vertrauen stärken.

Quellen & weiterführende Literatur

  • Zeitler-Feicht, M. H. (2015): Handbuch Pferdeverhalten – Ursache, Therapie und Prophylaxe von Problemverhalten, 3. Auflage. Verlag Eugen Ulmer.
  • Zeitler-Feicht, M. H. (2016): Verhaltensauffälligkeiten beim Pferd – Erste Alarmsignale bei nicht artgemäßer Haltung. Pferdespiegel 19(2), 54–58.

Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt bei gesundheitlichen Auffälligkeiten keine tierärztliche Untersuchung. Verhalten sollte immer im individuellen Kontext betrachtet werden.

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